Tu das nicht

Sein Spitzname war: "Tu-Das-Nicht".

Es ist nun schon ein Weilchen her. Wir sassen in einer netten Runde zusammen.
Einer in der Runde erzählte, dass sein Spitzname früher in der Schule „Rolfi“ war. Daraufhin erklärte eine ältere Dame mit dem Namen Martina, dass man sie immer nur „Kloane“ gerufen hätte, so dass das dann irgendwann ihr Spitzname war.
Dann war da noch die Wilhelmine die immer nur „Waberl“ genannt wurde. Dann war da noch der Gerald, den sie „Lalli“ nannten. So ging diese Spitznamen-Vorstellungs-Runde lustig dahin.

Alle gaben ihre Spitznamen der Kindheit preis.
Nur Egon wollte seinen „Spitznamen“ nicht preisgeben. „Was ist mit dir Egon? Hattest du keinen Spitznamen?“
Egon schwieg. Aber die lustige Runde gab ihm keine Ruhe. Nachdem Egon so krampfhaft schwieg, und seinen Spitznamen nicht nennen wollte, war es für uns natürlich noch viel interessanter seinen Spitznamen zu erfahren.

Schließlich gab er zögernd nach.
Er bekannte, dass sein Spitzname wohl „Tu-Das-Nicht“ war, weil seine ganze Familie hatte eigentlich ständig nur „tu-das–nicht“ zu ihm gesagt. Sein Vater, seine Mutter, sein Opa – eigentlich alle, die an seiner Erziehung beteiligt waren.
Nur die Oma nicht. Die sagte immer „Scheisserchen“ zu ihm.
Nur „Egon“ sagte so gut wie niemand zu ihm. Seine Lehrer nannten ihn „fauler Sack“ und „Störenfried“. Das war für ihn damals schon so normal, dass er sich bei der Zeugnisvergabe stets wunderte, dass da beim Namen des Schülers oben stand „Egon Machacek“ und nicht „fauler Sack“ oder „Störenfried“.

Nachdem Egon seine Spitznamen-Geschichte seiner Kindheit beendet hatte, war es plötzlich vollkommen still in der Runde.

Nachdenklichkeit breitete sich aus. Auch bei mir.
Ich senkte meinen Blick und schaute zu meinem Hund hinunter. Dabei dachte ich still bei mir: Auch Hunde haben derartige „Spitznamen“ Da gibt es den Tasso der aber ständig nur mit „Bei-Fuss“ gerufen wird. Sicher denkt Tasso dass „Bei-Fuss“ sein Name ist. Und dann kenne ich auch noch einen Bello der von seinen Besitzern immer nur  „Aus!“ genannt wird, bzw. so gerufen wird. 

Ich habe selbst auch einen Hund. Sein Name ist Gismo, ich nenne ihn aber auch Bärli. Bärli ist sein Spitzname, und eigentlich nenne ich ihn viel öfter Bärli als Gismo. Er hört aber auf Gismo und auf Bärli gleichermassen. Wahrscheinlich glaubt er, dass er einen Doppelnamen hat, und Gismo-Bärli heisst. Befehle wie „bei-Fuss“, „Sitz“, „Platz“  und „Aus“ kennt er nicht. Ich habe es ihm nicht beigebracht. „Sitz“, „Platz“ und „Aus“ empfinde ich als unnötige Machtdemonstration gegenüber dem Tier und folgen tut er mir ohnehin auf Fingerzeig. 

Seit der Story von Egon Tu-das-nicht bin ich ziemlich froh, dass ich meinem Hund nicht „sitz“, „platz“, „aus“ und den ganzen Schmarren beigebracht habe